Wie sind Sie auf GOOD BYE, LENIN! aufmerksam geworden?
Ich hatte bei X FILME CREATIVE POOL bereits HEIDI M. gedreht und Wolfgang Becker ist ja einer der Mitgründer und Produzenten von X FILME. Er war es auch, der mich damals vorgeschlagen hatte, als X FILME nach einer Hauptdarstellerin für HEIDI M. suchte, weil er mich in alten Filmen der DEFA gesehen hatte. Ich dachte damals: Auf mich kommt keiner mehr. Das war's mit Kino: Du bist keine 28 mehr, du hast eine Vorgeschichte, die hier rum ist. Dein Outing, was den Alkohol anbetrifft, wird auch nicht helfen, dass das mit dem Kino noch einmal etwas wird. Ich hatte damit abgeschlossen. Dann gelang es mir, meine private Geschichte zu bewältigen, und dann kam das, was mich unheimlich glücklich gemacht hat. Ich wurde für HEIDI M. besetzt. Danach sagte Wolfgang Becker dann: "Ich muss ja dämlich sein. Da schlage ich Katrin Saß für HEIDI M. vor - und ich suche selbst eine Hauptdarstellerin für meinen Film." Das war ein Traum für mich, weil mich ja auch Atze Brauner bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises ansprach und mir eine Rolle für einen Dreh in Minsk anbot. Und danach ging es schon mit GOODBYE, LENIN! los.
Waren Sie die Traumbesetzung für Wolfgang Becker?
Kann ich nicht sagen. Eigentlich bin ich zu jung, um die Rolle zu spielen. Bernd Lichtenberg hatte sich ein bisschen seine eigene Mutter als Vorbild genommen - also hätte man eigentlich eine Frau im Alter von 60 oder Ende 50 finden müssen. Dann hat Becker das Casting mit mir gemacht und sich lange, lange bedeckt gehalten, weil der Schauspieler für den Alex noch nicht feststand. Das war sehr nervenaufreibend, weil mich die Geschichte natürlich brennend interessiert hat. Irgendwann habe ich dann X FILME angerufen und gefragt, ob sie den Jungen denn schon gefunden hätten. Ja, den Jungen hätten sie, hieß es, aber wüsste ich denn nicht, dass ich längst besetzt sei. Becker ist nicht der Typ, der einem um den Hals fällt. Aber er hat wohl X FILME gesagt, dass ich die Idealbesetzung sei und er sich keine Bessere für die Rolle vorstellen könnte. Aber so ist Becker, auch beim Dreh, der eine knallharte Arbeit war. Solche Regisseure sind mir tausendmal lieber als die, die alles immer ganz wunderbar finden, aber am Ende kommt ein Film heraus, der einen maßlos enttäuscht.
Können Sie sich noch erinnern, was Sie empfanden, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal lasen?
Oh ja. Dass man ein solches Buch in Händen hält, passiert nur ausgesprochen selten. Ich war sofort berührt von der Nachdenklichkeit der Geschichte und beeindruckt von der sehr präzisen Gratwanderung zwischen Tragödie und Komödie: Da ist zum einen eine ganz anrührende Trauer, dann aber wieder kann man schallend lachen, von einem Moment auf den nächsten. Die Balance ist wunderbar. Ich war vor allem überrascht, dass das Buch von einem Westler geschrieben worden war, der obendrein auch noch verblüffend jung ist. Da muss ein unvorstellbares Maß an Recherche in die Arbeit eingeflossen sein, da viele Dinge haargenau so beschrieben werden, wie ich sie in Erinnerung habe. Unvorstellbar, dass weder Autor noch Regisseur all das selbst miterlebt haben können. Mit den Figuren kann man sofort mitfühlen und mitempfinden. Meine Figur ist ja keine stramme Genossin. Vielmehr kann man ihr Verhalten, einerseits an den Sozialismus zu glauben, andererseits aber auf ihre Weise auch Kritik am System zu üben, ganz genau verstehen.
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Haben Sie Recherche betrieben?
Nein, das mache ich nicht. Ich habe die Zeit selbst erlebt, da musste ich nichts recherchieren. So etwas bringt mich nur durcheinander. Eine derartige Rolle lebt man, fühlt man, denkt man - alles weitere lenkt nur vom Spiel ab. Ich muss aber gestehen, dass ich durchaus eine Gänsehaut hatte, als ich vor die Kamera trat. All das hatte ich doch gerade erst selbst erlebt! Natürlich ist klar: Diese Figur bin nicht ich, dafür ist sie zu alt, ihr familiärer Hintergrund ist anders. Es hat mich sehr gereizt diese Rolle zu spielen, das war eine gewaltige Herausforderung. Ein bisschen Angst hatte ich davor, eine kranke Frau spielen zu müssen, die ans Bett gefesselt ist. Wie spielt man das? Wie macht man diese Figur interessant? Ja, auf der Bühne ginge das, da kann man größere Gesten wagen und die Figur damit formen. Vor der Kamera, die ja auch ganz nah rangeht, muss man mit Andeutungen leben, muss man mit feinsten Strichen zeichnen, sonst wird solch eine Rolle leicht zur Karikatur. Dazu kam noch die bereits angesprochene Gratwanderung zwischen Komödie und Tragödie. So etwas hatte ich noch nie gespielt. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich den richtigen Ton traf. Da schwang immer eine Angst mit, ich könnte zu ernst und schwer sein, denn die einzigen Muster, die ich zu sehen bekam, waren Szenen zwischen Daniel Brühl und Florian Lukas - und die waren leicht und brüllend komisch. Und dann komme ich immer mit den harten Szenen. Vor allem der lange Monolog im Garten der Datsche, wenn die Mutter erstmals ganz ehrlich ist und erzählt, was damals wirklich vorgefallen ist, war höllisch schwer zu spielen.
Worum geht es in dem Film?
Es ist natürlich kein Film über den Mauerfall. Das war Becker immer wichtig: Es ist vor allem eine Geschichte über Mutter und Sohn, über eine Familie eine Geschichte, die dem Publikum nahe gehen soll, ungeachtet des historischen Hintergrunds, vor dem sich all das abspielt. Die jungen Schauspieler kannten das alles ja nicht. Bei mir kamen dagegen all die alten Aggressionen wieder hoch - so genau war der Fall bei all dem, was er beschreibt.
Wandten sich die jüngeren Schauspieler an Sie, um sich über die Zeit damals zu informieren?
Nein, da war Becker autoritär. Für all diese Infos war er zuständig. Und er überraschte mich: Er hatte zwar die Zeit, aber die DDR nicht miterlebt. Und doch wusste er alles, was es zu wissen gab. Und er wusste es besser und genauer als ich. Da war ich platt: Er hatte Sachen intus, die hatte ich selbst längst vergessen - und ich erinnerte mich allein wegen ihm wieder daran.
Wie würden Sie die Arbeit mit Wolfgang Becker beschreiben?
Es waren sehr, sehr anstrengende Dreharbeiten. Er ist so voll dabei, bringt sich immer 100 Prozent ein, dass er dabei die Schauspieler vergisst. Da ist er fast brutal und weicht nicht ein Stück von seiner Meinung, wie etwas auszusehen hat, ab. Wenn man Vorschläge hatte, ließ er sie abprallen. Szenen wurden so oft wiederholt, bis sie genau so waren, wie er sie sich im Geist ausgemalt hatte. So konkret und präzise war das. Bei HEIDI M. war es das genaue Gegenteil. Weil wir das Drehbuch während des Drehs umänderten, hatte ich die Freiheit, Texte am Drehort selbst zu erarbeiten und gestalten. Becker lässt so etwas nicht zu. Er verfolgt seine Linie. Und doch: Am Ende eines Drehtags war er dann wie ein Teddybär, umarmte einen, machte Geschenke, war dankbar. Und am nächsten Morgen war er wieder ein anderer Mensch: besessen von seiner Arbeit und seiner Vision. Und wenn man so intensiv an einem Film arbeitet, wird es auch mal laut. Es gab Tage, an denen gab es Tränen. Da weinte ich wie ein Schlosshund, weil ich nicht mehr konnte. Da haben wir uns angeschrien. Aber Becker ist überhaupt nicht nachtragend: Er nimmt das nicht persönlich. Er will nur den bestmöglichen Film machen. Und als Schauspieler muss man mit, ob man noch kann oder nicht.
Sie haben ja bereits erwähnt, dass es eine der großen Herausforderungen war, einer Figur Form zu verleihen, die die meiste Zeit ans Bett gefesselt ist. Sicherlich machte das Ihre Arbeit noch schwieriger?
Ich hatte große Angst. 13 Stunden am Tag unfrisiert und immer mit dem gleichen Nachthemd in einem Bett liegen - das ist nicht schön. Oft habe ich gestreikt und darum gebeten, ob man jetzt nicht ein paar Rückblenden drehen könnte, in denen ich mich bewegen müsste. Ich wollte da einfach nur raus. Erschwerend kommt hinzu, dass die anderen sich ja allesamt bewegen konnten. Nur ich war zur Bewegungslosigkeit verdammt und konnte mich kaum einmischen. Da waren Szenen, in denen die anderen Dinge auf einem Bildschirm sehen, den die Mutter aber nicht sehen konnte. Ich musste da also auf etwas reagieren, an dem ich nicht teilhaben konnte. Aber das Publikum sollte in meinen Augen ablesen können, was sich in ihnen abspielt. Das ging an die Substanz, weil man sich noch mehr öffnen muss.
Was ist Ihr Wunsch, wie das Publikum auf GOOD BYE, LENIN! reagieren soll?
Angerührt, betroffen. Man soll auch begreifen, dass es Osten und Westen in der Form von damals nicht mehr gibt. Es gibt ja viele Jugendliche gerade in der ehemaligen DDR, die aus Protest PDS wählen. Das kann ich nicht begreifen: Ich kenne diese Partei noch von früher und könnte sie deshalb auch niemals wählen. Da ist zu viel vorgefallen. Man soll in GOOD BYE, LENIN! sehen, wie Schauspieler aus dem Osten und Westen gemeinsam eine Geschichte über unsere Geschichte erzählen. Vielleicht gelingt es uns endlich, mit dieser Ära abzuschließen. Ich zumindest versuche es, all das hinter mir zu lassen. Das hat mir lange genug große Schmerzen bereitet.
Warum hat es so lange gedauert, bis sich ein deutscher Film gleichzeitig unterhaltsam und ernsthaft mit diese Phase der deutschen Geschichte auseinandersetzt?
Ich habe den Eindruck, die Filme davor hat man zu schnell rausgestürzt. So ein Ereignis muss man doch erst einmal verarbeiten. Das kann ja auch 20 Jahre dauern. Wir haben es jetzt nach 13 Jahren hoffentlich geschafft, vielleicht auch, weil es jetzt die richtige Zeit ist, endlich zusammenzuwachsen. Natürlich gab es gleich nach dem Mauerfall die Jagd, als erster den Stoff als Film zu verarbeiten, wie das bei vergleichbaren Ereignissen immer so ist. Ich habe beim Dreh oft vergessen, ob Becker nun aus dem Osten oder Westen kommt. Er wusste so wahnsinnig viel über die DDR, hatte sich ganz intensiv damit auseinandergesetzt. Ihm ging es nicht um Aktualität, sondern um Wahrhaftigkeit, und das ohne jemals die Leichtigkeit zu verlieren.