Ich hatte zwei Jahre vor dem Dreh erstmals auf der Berlinale davon gehört, dass Wolfgang Becker einen neuen Film plant. Ich wusste damals nur grob, worum es gehen sollte, habe mich aber auch nicht weiter erkundigt, weil es da hieß, dass er im Osten nach einem Hauptdarsteller suchen wollte. Längere Zeit verschwand das Projekt aus meinem Blickfeld. Weil Becker nicht fündig wurde, landete das Drehbuch schließlich auch bei mir. Es war ganz selten bisher bei mir so, dass ein Buch mich so bewegt hat. Ich konnte mich auch sofort in der Rolle des Alex sehen, obwohl ganz viele Sachen bei ihm nicht meiner Biographie entsprechen. Aber es machte mir keine Angst, dass ich kein Berliner bin, dass ich nicht in der DDR aufgewachsen bin. Mir war einfach klar, dass das eine tolle Rolle ist, die mir viel Spaß bereiten würde. Am besten lässt sich Alex beschreiben als Matrose auf einem Boot, das Leck schlägt, und der nun damit beschäftigt ist, ein Loch nach dem anderen zu stopfen. Angesprochen fühlte ich mich auch von der tragischen Komponente der Geschichte. Gleich beim ersten Lesen musste ich am Schluss fürchterlich flennen, weil ich so gerührt war - und das passiert mir nur höchst selten.
War es schwierig, Wolfgang Becker davon zu überzeugen, dass Sie der Richtige für den Part sind?
Es gab ein, zwei Castingrunden, aber Wolfgang hat sich immer bedeckt gehalten. Er fand es wohl gut, hat aber nichts Genaues gesagt. Schließlich kam der Anruf, dass man mich doch nehmen wollte. Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Kurz darauf ging auch schon die Vorbereitung los. Genau auf die Dinge, die mir nicht entsprechen, musste ich hinarbeiten. Ich habe mit einem Sprachcoach Berlinerisch trainiert. Mir war es wichtig, den Dialekt nur leicht anklingen zu lassen, eine leichte Färbung reinbringen, weil man es im Endeffekt doch immer hört, wenn man's nicht richtig kann. Wolfgang hat mich mit unerhört viel Material versorgt, viel Musik, viel DDR-Musik, die ich mir im Urlaub angehört habe. Und ich habe mir die ganzen geschichtlichen Abläufe genau angeschaut, die ich damals - ich war acht Jahre alt - zwar Zuhause mitgekriegt habe, aber nicht wirklich verstanden habe, weil ich doch zu jung war. Ich fand es wahnsinnig hilfreich, mit so vielen Schauspielern aus dem Osten spielen zu können, die mir viele neugierige Fragen, wie das denn damals so war, beantworten konnten. Das war sehr aufschlussreich, weil sie über Dinge erzählen konnten, z. B. die Stimmung, die sich in Geschichtsbüchern kaum erschließen. Aber ich wollte mich nicht mit zuviel Vorbereitung verrückt machen. Viel wichtiger, als der Aspekt, dass es eine Geschichte aus dem Osten ist und ich aus dem Westen komme, war, dass es eine hochemotionale Geschichte über eine Familie und ganz allgemeine menschliche Dinge ist.
Gab es eine Szene im Drehbuch, die für Sie der Knackpunkt war?
Ich fand es von Anfang an gut, und es hat sich ständig gesteigert. Aber ganz klar war es mir, dass ich das machen wollte, als Alex diesen ganz gewaltigen Betrug am Schluss inszeniert mit Sigmund Jähn in der Fernsehübertragung. Das ist eine wunderbare Sequenz, weil sie ganz herrlich aufgelöst wird. Das ist zum einen zum Schreien komisch, gleichzeitig aber auch wahnsinnig bewegend. Überhaupt gefiel mir die Idee, dass Alex aus Liebe zu seiner Mutter einfach die Geschichte umdreht und sich die Geschichte verselbständigt.
Wie würden Sie Alex als Typen beschreiben?
Ich will ja nicht, dass das zu langweilig klingt, aber er ist ein ganz normaler Typ, ein sympathischer, humorvoller, aufgeweckter junger Mann, der in dieser Phase seines Lebens aber auch nicht so recht weiß, wohin mit sich, und sich viele Fragen stellt. Das wird im Film nicht genauer thematisiert, aber so muss man ihn sehen. Sehr stark definiert er sich, und das trifft auch auf mich persönlich zu, über die Bindung zu seiner Familie und der großen Liebe zu diesen Menschen: am stärksten zu seiner Mutter, aber auch zu Lara und seiner Schwester.
Es gibt für einen Schauspieler kaum eine größere Herausforderung, als normale Typen zu spielen und sie dennoch interessant und spannend zu gestalten.
Was ich wahnsinnig reizvoll finde, sind Figuren, die so an der Kippe stehen, die beides haben, zugleich tragisch und komisch sind. Dann finde ich es spannend, komische Szenen, wie es sie in GOOD BYE, LENIN! ja mit Alex und Denis zuhauf gibt, komisch zu machen, ohne sie unbedingt komisch zu spielen: also den Slapstick-Faktor minimal halten, stattdessen ganz normal spielen und die Komik der Situation wirken lassen. Das bereitet mir viel Spaß; und gerade diese Art von Humor steckt sehr stark in dem Drehbuch. Gleichzeitig müssen die dramatischen Gefühlsmomente auch auf dieser Ebene funktionieren. Dann kann man die Figur auch immer leicht schräg spielen, was mir sehr zusagt.
Wie würden Sie Wolfgang Becker als Regisseur beschreiben?
Ich bin wahnsinnig gut mit ihm klargekommen. Er hat mir Freiheiten als Schauspieler gelassen. Ich hatte die Möglichkeit, sehr viel anzubieten. Er hat mich nie in eine bestimmte Richtung gedrängt. Und das ist ein großes Kompliment, denn der Dreh war auch sehr anstrengend und ich war bisweilen richtiggehend gerädert. Aber die Arbeit mit ihm war harmonisch. Trotz aller Strenge und Genauigkeit, die er besitzt, hat er mir nie Angst gemacht. Er hat mich für voll genommen und mir die Rolle von Anfang an zugetraut, was ich auch gespürt habe. Er hatte nie Angst davor, dass es womöglich nichts werden könnte. Er hat mir vertraut und ich ihm. Das war toll.
Gibt es Momente des Drehs, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
So viele, dass ich sie gar nicht aufzählen kann. Sofort fallen mir all die Dinge ein, die schief gelaufen sind. Wenn man bedenkt, wie viel Pech wir hatten, ist es richtig erstaunlich, dass dabei ein so schöner Film herausgekommen ist. Was da für Sachen passiert sind!
Können Sie zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen, was GOOD BYE, LENIN! Ihnen bedeutet?
Auf jeden Fall sehr viel. Das ist definitiv eine meiner wichtigsten Arbeiten. Ich gehöre ja zu den Schauspielern, die gerne auch an kleineren Filmen arbeiten. Mir geht es primär um die Qualität und nicht die Größe eines Projekts. Bei GOOD BYE, LENIN! stimmte die Mischung. Es ist ein großer Film, der ein großes Publikum begeistern und bewegen kann und soll, trotzdem ist die Qualität einfach großartig. Das ist ein ganz neues Format für mich. Gemeinsam mit NICHTS BEREUEN und DAS WEISSE RAUSCHEN ist er in jedem Fall mein Lieblingsfilm.
Was sind die Gründe dafür, dass der Mauerfall in deutschen Filmen bislang kaum thematisiert wurde? Warum musste man zwölf Jahre darauf warten?
Ein Thema wie dieses muss sich erst einmal ein paar Jahre lang setzen, bis man sich ernsthaft damit auseinandersetzen kann und bis die Menschen eine filmische Aufarbeitung wirklich interessiert. Wenn man das früher gemacht hätte, hätte ich es nicht gut gefunden: Es hätte der nötige Abstand gefehlt, wäre zu nahe dran gewesen. Ich darf mir als Kölner kein wirkliches Urteil anmaßen, und wahrscheinlich müsste man andere fragen. Aber ich habe den Eindruck, dass Osten und Westen jetzt erst anfangen, sich richtig anzunähern und zusammenzuwachsen. Erst wenn man ein Land ist, kann man sich das mit der nötigen Vernunft betrachten, wie es war, als das noch nicht der Fall war. Das trifft doch auf die meisten bedeutenden historischen Ereignisse zu. So etwas muss reifen. Und für GOOD BYE, LENIN! war die Zeit reif.