Große politische Veränderungen sind ja Herausforderungen für einen Produzenten, und die Erfahrung zeigt, dass immer erst Zeit vergeht, bis das Kino reagiert. Wann war für Sie klar, dass Sie zum Thema "Mauerfall" einen Film machen wollen oder müssen?
Das war eigentlich schon immer klar. Schon bevor es X FILME gab, im ersten Jahr nach Mauerfall, haben Tom Tykwer und ich DIE TÖDLICHE MARIA gedreht - damals schon in einem leer stehenden Studio in Adlershof, und alles war sehr außergewöhnlich. Das ist ja wahrscheinlich die irrwitzigste Zeit, die wir je erlebt haben. Andererseits waren wir hier in Berlin so nah am Geschehen, dass wir immer der Meinung waren, das könne man eigentlich gar nicht in Bilder fassen. Es hat sich ja alles so schnell verändert. Wenn man versucht hat, in die selbe Kneipe zu gehen, in der man vor einer Woche war, gab es die schon gar nicht mehr. Dafür gab es ein Stockwerk drüber oder drunter (gerne auch mal unter der Erde) etwas noch viel Abgefahreneres. Also dachte man, man kann das gar nicht einfangen. Zwei, drei Jahre nach der Wende ging es damit los, dass wir eine große Anzahl von Stoffen angeboten bekommen haben, die sich gar nicht so unterschiedlich mit dem Thema auseinandergesetzt haben wie wir jetzt: z.B. zwei Grenzbeamte in Sachsen sind vergessen worden und haben die DDR weitergelebt. Oder Dorfbewohner entschließen sich, angestachelt durch die Umstände der Wende, die DDR wieder einzuführen und bauen eine Mauer um sich herum. Solche Stoffe gab es wirklich sehr, sehr viele.
Es ist ja auch keine dieser Geschichten wirklich verfilmt worden.
Das wundert mich auch. Denn sie waren ausnahmsweise eigentlich auch alle recht gut. Aber sie waren nie so, dass bei uns der Funke übersprang und wir das Gefühl hatten, das sei DER Film zu dem Thema. Irgendwann kam dann Bernd Lichtenberg mit seinen 5 Seiten Exposé zu uns. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich mit ihm und Wolfgang Becker darüber gesprochen habe. Auf einmal war diese Energie da, und wir wussten genau, daran können wir all das erzählen, was wir unbedingt erzählen wollen. Je mehr wir uns damit beschäftigt haben, desto klarer wurde mir auch, dass es diese zehn Jahre Abstand gebraucht hat. Das ist ähnlich wie in den USA, wo die bedeutenden Filme über Vietnam auch erst sehr viel später entstanden sind. Es liegt ganz klar daran, dass unser Film beides ist: Zum einen eine Geschichte über die DDR, zum anderen die herzzerreißende Geschichte dieser Familie. Das Ganze passte nun eins zu eins zusammen. Vor allem Dinge zu zeigen und zur Diskussion zu stellen, die mir politisch sehr wichtig waren: Beispielsweise, was wir blöden Westdeutschen alles leichtfertig über Bord geworfen haben - von der Grundgesetzänderung bis zu den guten Bedingungen für alleinerziehende Mütter, von Wertstoffwirtschaft bis zum sozialen Umgehen miteinander. Da ist uns Westdeutschen ja wirklich etwas entgangen, das wir durch die Wiedervereinigung eigentlich hätten dazu gewinnen können. Wir hätten für die paar hundert Milliarden etwas Positives bekommen können. So haben wir nur die Milliarden gezahlt, ohne dass wir etwas Wesentliches davon gehabt zu haben. Das steckt für mich alles in diesem Stoff.
Das ist es doch, was den Reiz für einen Produzenten ausmacht: Man möchte ja keinen rein politischen Film machen, der nostalgisch ist oder sich satirisch mit dem Thema auseinandersetzt, sondern es kommt ja auf diese Ebene an, die nur im Kino funktioniert.
Absolut. Sonst würden wir ja nicht das Filmemachen, diese teuerste aller Künste ausüben. Zumal es ja auch sehr viel Arbeit ist. Einen Film mit Wolfgang Becker zu machen, ist nicht unbedingt das Leichteste, was man sich im Leben vornehmen kann. Da muss man schon genau wissen, warum man das macht. Letztendlich geht es ja darum, die Menschen bei ihren Emotionen zu packen. Und man beschäftigt sich sehr lange damit, zu überlegen, wie erzähle ich das? Wie ist die Konstellation in dieser Familie? Warum ist es bei Wolfgang Becker nicht immer nur die innere Familie, sondern gleichzeitig in allen seinen Filmen auch ein neuer Begriff von Familie? In dem alle Planeten, die um diese Familie kreisen, auch immer dazu gehören. Und dann beschäftigt man sich in der Entwicklung des Stoffe, mit den historischen Abläufen. Und schließlich: Wie schafft man es, die Emotionen und die Historie zusammen zu bekommen? Das ist ja alles kein Zufall. Das ist ein extrem lange und irrsinnig sorgfältig entwickeltes Buch.
Interessanterweise haben viele Leute dieses Jahr zwar erlebt, aber auch wieder vergessen.
Erst sehr spät - da war der Film fast schon fertig - kamen wir in einem Gespräch darauf, dass es eigentlich um "Das vergessene Jahr" geht. Das würde ich gerne von den Zuschauern beantwortet haben: Ist dieses Jahr tatsächlich verdrängt worden und weshalb? War es eine derartige Überforderung? Gerade wir in Deutschland mit unserer harten D-Mark, mit unserer unveränderlichen Freundschaft zu der NATO. Auf einmal brach ja alles weg. Nichts mehr galt. Auf einmal ergab zwei plus vier eins. Ich habe das Gefühl, dass auf der einen Seite tatsächlich einfach unfassbar viel passiert ist, auf der anderen Seite aber offensichtlich irgendwann eine Art Stressfaktor einsetzte, der bewirkt hat, dass man tatsächlich nichts mehr aufnahm. Dass man ganz normal sein Leben lebte und sich ausschließlich darum kümmerte, wie es einem selbst damit geht. Aber was war wirklich genau wann? Wann war welche Wahl? Wann war genau die Währungsunion? Die Daten hat man nicht mehr im Kopf. Das finde ich interessant.
Es kann ja auch umgekehrt sein: Nicht nur, dass die Zuschauer Antworten geben, sondern auch, dass sie nach Antworten suchen und sich an all das erinnern wollen, was sie vielleicht vergessen haben.
Ein Großteil des Publikums wird sich gar nicht mehr daran erinnern können, weil es damals zu jung war. Andererseits weiß ich noch sehr genau, wie ich zum ersten Mal im Osten ein Schild las mit der Aufschrift "Uschis Getränkestation" - im dritten Hinterhof, wo nie einer vorbeikommt. Und so hat sicher jeder seine eigenen Episoden. Wie bei mir wird die Szene in der Bank, als Alex und Anita ihr Geld umtauschen wollen, bei vielen Erinnerungen hervorrufen. Ich weiß noch, dass es einer der schrecklichsten Abende war, als ich zum ersten Mal Angst vor den Deutschen und der Wiedervereinigung bekam. Ich fuhr mit dem Auto über den Alexanderplatz und da standen 5000 Leute vor der Deutschen Bank, die sofort um Mitternacht ihr Geld umtauschen wollten. Da entstanden Tumulte, die Scheiben wurden eingedrückt, und es kam in allen Nachrichten. Das war für mich der reinste Horror, und da war mir wirklich klar, wie die nächsten zehn Jahre laufen werden. Es war abzusehen, dass die ganze tolle Energie falsch umgesetzt werden würde. Dass alles untergebuttert wird von 'Kriegsgewinnlern'.
Dennoch ist es so, dass der Film die Wiedervereinigung auch als schönen Moment feiert.
Das ist ja auch das Tolle, dass Wolfgang Becker dafür entsprechende Bilder gefunden hat, die wirklich herzzerreißend sind. Zum Beispiel die Geburtstagsfeier, bei der alle zusammen sind und die Emotionen hochschlagen.
War von Anfang an, als Sie das Exposé gelesen hatten, klar, dass das ein Projekt für Wolfgang Becker sein wird?
Wolfgang Becker ist definitiv der Richtige für diesen Film. Und es war sofort klar, dass wir das zusammen machen wollen. Obwohl Bernd Lichtenberg ja ein Debütant war. Er und Wolfgang Becker sind einfach ein gutes Team. Es war sicher für beide schwierig, so lange an dem Buch zu arbeiten, aber sie haben sich extrem gut ergänzt. Das macht auch das Gleichgewicht des Films aus.
Alles, was in dem Film vorkommt, existierte ja bereits seit zehn Jahren nicht mehr. Wie sind Sie damit umgegangen?
Interessanterweise ist es viel schwieriger, etwas zu erzählen, das vor zehn Jahren, als etwas, das vor 200 Jahren passiert ist. Für einen Zeitraum vor nur zehn Jahren hält sich jeder für einen Fachmann. Dabei erinnern sich 90 Prozent der Leute falsch. Die meisten bringen etwas durcheinander oder erinnern sich lediglich an ihre Gefühlswelt, aber nicht daran, was wirklich war. Ich würde sehr gerne einen Film drehen, der vor 300 Jahren spielt. Alleine, um aus dem Vollen schöpfen zu können, was einem da so alles so einfallen kann. Hier mussten wir immer hundertprozentig genau sein, und das ist gerade in Deutschland nicht sehr einfach. Es ist nicht das, was wir in den letzten 20 Jahren Filmindustrie in Deutschland gemacht haben. Es war ein Horror vom ersten bis zum letzten Tag, mit diesem Unvermögen umzugehen. Wir Deutschen haben uns selbst sehr klein gehalten, indem wir das Filmemachen nur bis zu einer bestimmten Größenordnung betreiben oder wenn historisch, dann nur sehr beschränkt. Das sollte hier anders sein. Wir wollten wirklich den Film machen, der für dieses Jahr steht, und dann sollte er auch richtig gut werden. Auch in der Ausstattung. Es sollte einfach alles stimmen. Neben den Emotionen und dem Spiel der Schauspieler sollte auch das ganze Umfeld stimmen, und das ist gelinde gesagt nicht einfach. Denn wir sind es nur gewohnt, diese besseren Fernsehspiele ins Kino zu bringen, wenigstens größtenteils. Oft reicht der Atem einfach nicht - vom Produzenten über den Regisseur bis hin zum Team. Es ist ein Unterschied, ob man 25 Tage dreht oder 50, ob man an 20 Motiven dreht oder an 50. Ob eine ganze Abteilung 50 Motive unter Kontrolle haben muss und die dabei immer noch stimmig sein müssen. Es gibt eben eine bestimmte Finanzierungsobergrenze. Es wäre schon gut gewesen, wenn wir etwas mehr Geld zur Verfügung gehabt und man etwas entspannter hätte arbeiten können. Aber das ist wohl eher etwas, das wir in der deutschen Filmindustrie ändern müssen.
Wie lief die Besetzung?
Wenn man ein Projekt so lange entwickelt, dann fängt man natürlich relativ früh an, über die Besetzung zu reden. Als wir damals HEIDI M. besetzten, waren wir uns lange nicht im Klaren, wer die Hauptrolle spielen sollte. Es war Wolfgang Becker, der Katrin Saß vorgeschlagen hat. Wahrscheinlich schon mit dem Hintergedanken, dass sie auch jemand für LENIN sein könnte. Bei Daniel Brühl war es von Anfang an eine klare Entscheidung. Und Florian Lukas ist seit ABSOLUTE GIGANTEN eh einer unserer Favoriten. Das ist ja auch das Wunderbare an X FILME, dass man ein besonderes Verhältnis zu einigen Schauspielern entwickelt hat. Dass man gemeinsam wächst. Ich glaube schon, dass man das den Filmen auch ansieht. Dass eine Sicherheit da ist für die Schauspieler. Es ist sicher oft härter für sie als bei anderen Produktionen, aber es kommt immer etwas Besonderes dabei heraus.